Olympische Spiele 2012

Der Deutschlandachter – Go for Gold

Unter diesem Motto soll die Krönung der zweiten Trainerära Ralf Holtmeyers mit dem Paradeboot des DRV gelingen. Seit 2009 ist der Deutschlandachter ungeschlagen und hat die Weltmeisterschaften 2009, 2010 und 2011 für sich entscheiden können! Ist dies eine neue goldene Ära für das Flagschiff der Nation?

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Der Rudersport hat in Deutschland eine lange Historie und hat unserer Nation einige ihrer größten sportlichen Erfolge geschenkt. Schon in der Antike ist das Rudern nicht nur Fortbewegungs-, sondern auch Sportart gewesen. In Deutschland kam der Sport 1836 mit der Gründung des Hamburger Ruderclubs an. 1883 schlossen sich dann 34 deutsche Vereine in Köln zum Deutschen Ruderverband zusammen, dem inzwischen größten nationalen Rudersportverband der Welt. Von Beginn der neuzeitlichen olympischen Zeitrechnung (1896) an, gehörte auch der Rudersport dazu. Die Wettkämpfe werden nunmehr in 14 Bootsklassen ausgetragen. Ein wahrhaft traditionsreicher Sport mit einer langen deutschen Erfolgsgeschichte.

 

Wie auch bei anderen Sportarten gibt es im Rudern einen Wettbewerb, der alle anderen überschattet. Was dem Leichtathlet der 100m Sprint oder die 100m Freistil für den Schwimmsport, ist im Rudern das Rennen des Achters, des größten Mannschaftsbootes. Die BRD hat in der olympischen Geschichte mit dem Flaggschiff drei Siege erringen können – die DDR holte zwei Mal olympisches Gold – außerdem stehen 16 Weltmeistertitel (davon vier aus der DDR) zu Buche! Der Deutschlandachter genießt über die Grenzen unserer Sportnation hinaus ein legendäres Ansehen, genährt durch Heldentaten und Sportdramen.

 

Der Grundstein für den Mythos „Deutschlandachter“ wurde um 1960 gelegt, mit einer Reihe von internationalen Erfolgen. Der erste Streich gelang schon 1959, als beim „Wunder von Macon“ der EM-Titel mit zehn Sekunden Vorsprung von einer Renngemeinschaft aus Ratzeburger und Kieler Ruderern herausgefahren wurde. Der unerwartete und deutliche Sieg begeisterte die Nation und die Ruderer wurden zur Mannschaft des Jahres gekürt. In dieser Zeit entstand der Name „Deutschlandachter“. Die gleiche Mannschaft bestätigte bei den Olympischen Spielen in Rom 1960 den Erfolg des Vorjahres. Es folgten einige Welt- und Europameistertitel und ein weiterer Sieg bei den olympischen Spielen 1968 in Mexiko Stadt. Es waren neun Jahre, in denen der Deutschlandachter alle in seiner Klasse überschattete.

 

Danach begann eine Durststrecke ohne große internationale Titel, die erst mit der Verpflichtung Ralf Holtmeyers als Bundestrainer für den Achter 1988 endete. Die Karriere des jungen Trainers begann fulminant mit dem Olympiasieg in Seoul. Damals brach das zweite goldene Zeitalter des Deutschlandachters an und das Flagschiff mit Roland Baar als Schlagmann (1989 – 1996) holte in den folgenden Jahren fünf Weltmeistertitel aus sechs Wettbewerben, olympisches Bronze 1992 in Barcelona und Silber 1996 in Atlanta. Es war abermals eine neun Jahre währende Dominanz in der Paradedisziplin. In dieser Zeit war der DRV regelmäßig der erfolgreichste Verband bei internationalen Meisterschaften, denn auch in den anderen Bootsklassen gehörten die deutschen Ruderer zur Weltspitze.

 

Das  Karriereende des erfolgreichen Schlagmanns Roland Baar 1996 war ein Wendepunkt. Die Erfolgsserie riss und die zweite große Ära des Bootes fand ein jähes Ende. Nachdem sich der Achter nicht für die olympischen Wettbewerbe 2000 in Sydney qualifizieren konnte, musste auch Trainer Holtmeyer für den neuen Bundestrainer Dieter Grahn Platz machen. Holtmeyer übernahm den Damenachter. Zwar arbeitete sich der Deutschlandachter unter Grahn wieder in die Weltspitze vor und konnte 2006 den ersten Weltmeistertitel seit 1995 erkämpfen, es gelang aber nicht der große Wurf. Der Herrenachter konnte weiterhin nur selten überzeugen. Das Ausscheiden als Letzter des Hoffnungslaufs bei den vergangenen Olympischen Spielen in Peking war dann ein trauriger Tiefpunkt für den Deutschen Ruderverband. Die Erfolge der Neunziger unter Ralf Holtmeyer und mit Roland Baar erschienen unerreichbar weit weg.

 

Die Zäsur nach Peking resultierte in der Reaktivierung des früheren Erfolgscoachs Holtmeyer. Und das Ergebnis? Seit 2009 ist der Deutschlandachter ungeschlagen und hat die Weltmeisterschaften 2009, 2010 und 2011 für sich entscheiden können! Ist dies eine neue goldene Ära für das Flagschiff der Nation?

 

Man fährt nun als großer Favorit auf olympisches Gold nach London und der Druck ist immens. Nichts bleibt in der Vorbereitung dem Zufall überlassen und ähnlich wie in anderen Sportarten hört die Vorbereitung auch nicht beim Training der Athleten im Leistungszentrum in Dortmund auf.

 

So ist das 17,5m lange und 96kg leichte deutsche Olympiaboot eine Sonderanfertigung der Eberbacher Empacher Werft, welche für fast alle Nationalmannschaften ihre typischen gelben Boote herstellt. Das deutsche Boot wurde speziell den schwierigen Windverhältnissen angepasst, die man auf der Regattastrecke des Dorney Lake in Eton erwartet. Für den Deutschlandachter entwickelte man einen neuen Karbonrumpf in Kooperation mit McLaren, leicht und stabil wie ein Formel 1 Wagen.

 

Doch ist die Medaille noch längst nicht sicher. Ein Ruderrennen ist kein Selbstläufer. In den ca. 5min. 30sec., die es dauert, die 2000m eines olympischen Rennens zu bewältigen, kann viel passieren. Kaum ein Sport bringt den Athleten so sehr an die Grenzen seiner Belastbarkeit und fordert so viele Muskelpartien, Kraft und Ausdauer. Die nötige Form ist den Ruderern anzusehen. Ich erinnere mich daran, dass Anfang der Neunziger die Durchschnittsgröße der Ruderer des Deutschlandachters über dem Schnitt in der deutschen Basketball Nationalmannschaft lag.

 

Es reicht aber nicht, absolut fit zu sein! Die bedingungslose Einordnung in das System ist unerlässlich. Genaueste Koordination der Ruderpartner bei jedem einzelnen Schlag ist erforderlich, um die höchste Fahrtgeschwindigkeit von ca. 25 km/h zu erreichen. Dazu sind oft mehr als 40 Schläge pro Minute nötig, bei denen jeder einzelne Ruderer über 500 Watt Leistung pro Schlag auf die Riemen bringt. Ruderlegende Roland Baar beschrieb die Gefühle im Rennen mal folgendermaßen: „Bei 200m beginnen die Schmerzen…Es ist als ob man mit der nackten Hand auf eine Herdplatte fasst. Es dauert nur länger.“ Am Wettkampftag muss also alles stimmen!

 

Nach 24 Jahren ohne Olympiagold kann die aktuelle Mannschaft des Deutschlandachters an die größten Erfolgszeiten anknüpfen und der Legende ein weiteres Kapitel hinzufügen. Nur die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist häufiger zur Mannschaft des Jahres gewählt worden. Wir würden es dem Deutschlandachter wünschen, sich im Finale am 1. August wieder diese Lorbeeren zu verdienen.

 

Wir drücken dem Mythos Deutschlandachter die Daumen. GO, GET GOLD!!

Kommentare

6 Kommentare zu “Der Deutschlandachter – Go for Gold
  1. Fantomas sagt:

    Folgende Passage möchte ich nochmal herausheben. Sensationell: „Doch ist die Medaille noch längst nicht sicher. Ein Ruderrennen ist kein Selbstläufer. In den ca. 5min. 30sec., die es dauert, die 2000m eines olympischen Rennens zu bewältigen, kann viel passieren. Kaum ein Sport bringt den Athleten so sehr an die Grenzen seiner Belastbarkeit und fordert so viele Muskelpartien, Kraft und Ausdauer. Die nötige Form ist den Ruderern anzusehen. Ich erinnere mich daran, dass Anfang der Neunziger die Durchschnittsgröße der Ruderer des Deutschlandachters über dem Schnitt in der deutschen Basketball Nationalmannschaft lag.

    Es reicht aber nicht, absolut fit zu sein! Die bedingungslose Einordnung in das System ist unerlässlich. Genaueste Koordination der Ruderpartner bei jedem einzelnen Schlag ist erforderlich, um die höchste Fahrtgeschwindigkeit von ca. 25 km/h zu erreichen. Dazu sind oft mehr als 40 Schläge pro Minute nötig, bei denen jeder einzelne Ruderer über 500 Watt Leistung pro Schlag auf die Riemen bringt. Ruderlegende Roland Baar beschrieb die Gefühle im Rennen mal folgendermaßen: „Bei 200m beginnen die Schmerzen…Es ist als ob man mit der nackten Hand auf eine Herdplatte fasst. Es dauert nur länger.“ Am Wettkampftag muss also alles stimmen!“

  2. Benjamin Dietrich sagt:

    Sehr schön, schon in der stärksten Vorrundengruppe durchgesetzt und mit einer halben Länge vor Großbritannien, dem WM-Zweiten, für das Finale am Mittwoch qualifiziert. Das wird was!

  3. Steven Ihm sagt:

    Es geht doch! Was für ein Rennen. Gold, Gold, Gold für den Deutschlandachter!

  4. Sportfreund sagt:

    Wahnsinn! Die Errungenschaft ist umso bemerkenswerter, wenn man sieht durch was für einen Leistungsabfall die Briten bestraft wurden, nachdem sie versucht hatten mit den Deutschen mitzuhalten.

  5. Richard Schmidt sagt:

    Nachdem ein Richard Schmidt im Boot saß, habe ich mit der Outperformance fast schon gerechnet.

    Und was das ganze versüßt hat, war die emotionale Begleitung durch den ARD-Kommentator („….bitte Jungs, gönnt es euch!….ein famoses Rennen!“)

    • Benjamin Dietrich sagt:

      Als ich den Namen gelesen hatte, hätte ich es fast für möglich gehalten, dass du’s bist und uns allen aus Bescheidenheit nichts erzählt hast. Vom Bergjäger zum Olympiasieger!

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